Asilaraber ohne Heimat?

In seinem bemerkenswerten Buch „The Egyptian Alternative“ Part One hat Philippe Paraskevas eine allzu wahre Aussage über das Pferd der Beduinen gemacht: Er nennt es einen Flüchtling (refugee), und ich möchte hinzusetzen: Es ist heute sogar ein Flüchtling im eigenen Heimatland, der Arabischen Halbinsel.
Eine drastische Beschreibung, die trotzdem den Nagel auf den Kopf trifft. Denn die „Heimat“ des Arabischen Pferdes gibt es nicht mehr! Mehr dazu später.

Das Arabische Pferd teilt sein Schicksal als Vertriebener mit unzähligen Menschen, gerade auch Menschen arabischer Herkunft, wenn auch nicht unmittelbar. Allerdings verhalten sich die Lebensbedingungen der menschlichen Flüchtlinge sozusagen umgekehrt zu denen der Araberpferde. Während erstere in Flüchtlingslagern, meist in Zelten untergebracht, ein dürftiges Dasein fristen müssen, kam das Arabische Pferd von der Wüste in den Überfluss. Paraskevas nennt das Arabische Pferd denn auch „a glorious refugee“. Es konnte das schwarze Beduinenzelt mit einem Stall tauschen und die Wüste mit grünen Weiden.

Menschliche Flüchtlinge müssen nicht für immer Flüchtlinge bleiben. Manche dürfen heimisch werden in den Ländern ihrer Zuflucht. Andere können in ihre alte Heimat zurückkehren. Doch leider gibt es auch solche, denen ein Ende des Flüchtlingsdaseins verwehrt wird, meist aus politischen Gründen. Schließlich gibt es auch Vertriebene, die zwar eine neue Heimat finden, aber trotzdem Flüchtlinge bleiben, da ihre Sehnsucht nach der alten Heimat nicht vergeht. Doch zurück zu unseren Araberpferden.

Die „Heimat“ des Beduinenpferdes existiert nicht mehr. Hier muss zunächst der Begriff der Heimat definiert werden. Ich möchte ihn anlehnen an den Heimatbegriff des Menschen. Heimat ist mehr als ein geographischer Begriff, zu ihr gehört auch das soziale Umfeld. Für uns Menschen ist die Familie wohl der wichtigste Teil unserer Heimat. Bleibt sie intakt, werden die Schrecken der Vertreibung leichter bewältigt. Andererseits führt die Zerstörung der Familie selbst bei Erhalt der geographischen Heimat zum Heimatverlust.

Übertragen auf das Arabische Pferd wollen wir nur kurz seine geographische Heimat streifen. Sie existiert natürlich noch immer, aber die Lebensbedingungen dort haben sich radikal verändert. In der Wüste wird künstlich bewässert und so kann z. B. Saudi Arabien einen großen Teil des benötigten Heus im eigenen Land gewinnen. Das Leben dort ist nicht mehr reduziert auf eine Frage des Überlebens, weder für Mensch noch Tier.

Ganz anders das soziale Umfeld des Pferdes in Arabien. Es existiert in der Form nicht mehr, die den Asilaraber geschaffen und geformt hat. Die nomadisierenden Beduinen sind sesshaft geworden und ihre Lebensweise ist bis auf Rudimente verschwunden. Um noch einmal Paraskevas zu zitieren:
„Dieser Wechsel des Lebensstils vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit brachte einen Prozess in Gang, der zu einer unausweichlichen Trennung zwischen dem Menschen und seinem Pferd führte, eine fatale Separierung, zuerst mental und später auch physisch.“

Das Arabische Pferd hatte damit seine „Familie“ verloren. Somit können wir sagen, dass es im doppelten Sinne zum Heimatlosen wurde. Es musste gleichzeitig den Verlust der „geographischen“ Heimat und den der „Ursprungsfamilie“ verkraften. Seine geographische Heimat hatte ihn geformt zu einem Überlebenskünstler unter den harten Bedingungen des Wüstenlebens. Doch es war ein Leben, das es nur gemeinsam mit seiner Ursprungsfamilie, den Beduinen, meistern konnte.

Nun stellt sich die Frage, wie das Araber-Pferd diesen doppelten Heimatverlust verkraftet hat. Oder mit anderen Worten: Wie weit haben sich die Arabischen Pferde von heute vom Ursprungsaraber, dem Beduinenpferd entfernt? Eine Frage, die sich jeder ernsthafte Asil-Araber-Züchter stellen sollte. Ein Thema, das auch Paraskevas leidenschaftlich beleuchtet. Ein kontrovers diskutiertes Thema, das meines Erachtens sehr wichtig ist, egal wie man zu den Entwicklungen der letzten hundert Jahre steht. Nur ein paar Stichworte dazu: Erhaltungszucht, Schönheitsideal, Show-Püppchen, Leistungszucht. Aber wir wollen hier zurückkehren zu der Frage nach dem Verkraften des Heimatverlustes. Wieder als Parallele zum Menschen. Wie ein Mensch die Vertreibung aus der Heimat verkraftet hat, erkennt man an seinem Verhalten und an seiner seelischen Gesundheit. Es würde zu weit führen uns hier näher einzulassen. Ich will vielmehr nur ein paar Beobachtungen zum Verhalten Arabischer Pferde wiedergeben, die für mich aufschlussreich genug erscheinen, die folgenden Thesen zu belegen.
1. Der Asil-Araber von heute steht auch nach über 100 Jahren Zucht im Exil noch immer dem Erbe seines Vorfahren, des Beduinenpferdes, nahe.
2. Es ist möglich, die „Flüchtlingslager“ des Araberpferdes als „save-havens“ (Paraskevas) zu organisieren. Der Araber braucht dazu sowohl Seinesgleichen als auch den engen Bezug zum Menschen.
3. Das Arabische Pferd gedeiht nicht nur „wenn es Luft der Wüste einatmet“, wie es einmal in Arabien poetisch ausgedrückt wurde, sondern auch unter der Liebe und Fürsorge des modernen Menschen.
4. Der Charakter des Araberpferdes ist das letztendlich endscheidende Merkmal dieser Rasse.

Hier nun einige Erlebnisse mit den Pferden unseres Gestütes, teilweise aus eigenem Erleben, teilweise aus Erzählungen der Familie Seidlitz:

Nagha (Gharib x Nazeefa), eine der beiden Stammstuten der Familie Seidlitz, war eine ganz besondere Stute. Sie war Fremden gegenüber sehr scheu, aber gewann sie Vertrauen zu einem Menschen, war dieses fast grenzenlos. Als für alle Kinder nicht genügend ausgebildete Reitpferde da waren, wurde sie ohne jede Ausbildung mit zum Ausritt genommen, ohne das kleinste Problem. Nach einer schweren Fohlengeburt, bei der ihr mein verstorbener Schwiegervater helfen musste, wartete sie bei allen weiteren Geburten bis zum Morgen, um nur noch in seiner Gegenwart abzufohlen.
 

Nagha (Gharib x Nazeefa) - Foto: Seidlitz
 
Nagha (Gharib x Nazeefa)
 

Ihre letzte Tochter, Nahzle (Masr El Dahman x Nagha), ist ihr im Wesen sehr ähnlich. Leider wollte sie jahrelang nicht rossen und nahm auch trotz aller tiermedizinischen Bemühungen nicht auf. Erst als ein neuer Hengst in den Stall kam (Safeen), rosste sie spontan und lies sich ohne Problem decken und bringt nun schöne Fohlen.
 

Nahzle (Masr El Dahman x Nagha) - Foto: Seidlitz
Nahzle (Masr El Dahman x Nagha) 
 

Safeen (Ibn Safinaz x Abitibi Madeena) bevorzugt es, eine Stute selbst zu decken, statt seinen Samen am Phantom in eine künstliche Scheide herzugeben. Trotzdem tut er das, wenn auch mit deutlichem Zeichen seines Widerwillens. Und wehe ich besame seine Stute vor seinen Augen, dann ist erst was los. (Ich wusste gar nicht, dass sich Pferde so ärgern können)
 

Safeen (Ibn Safinaz x Abitibi Madeena) - Foto: Seidlitz
Safeen (Ibn Safinaz x Abitibi Madeena) 
 

Sein Sohn Safiy El Bediya (Safeen x Mabrouka Bint Maareesa) war noch kein halbes Jahr alt, da hat er sich schon um seinen Harem gekümmert. Bei Regenwetter steht genau am Übergang zur Koppel eine große Wasserpfütze. Dort traute sich eine „seiner“ Stuten, ein Stutfohlen seines Alters, nicht durch. Safiy war schon mit seiner Mama auf der anderen Koppel und die ganze Herde auch, außer dem einen Fohlen. Als seine Aufmunterungen mit lautem Wiehern nicht befolgt wurden, rannte er zurück, im gestreckten Galopp über das Wasser setzend, umkreiste die Zaghafte wiehernd, und lief ihr voraus, den Weg nach drüben zeigend. Dieses Schauspiel konnten wir nicht nur einmal genießen.
 

Safiy El Bediya (Safeen x Mabrouka Bint Maareesa) - Foto: Seidlitz
Safiy El Bediya (Safeen x Mabrouka Bint Maareesa) 
 

Das stellt nur eine kleine Auswahl an Erlebnissen mit unseren Pferden dar, die zeigen: Die unverwechselbaren inneren Werte des Beduinenpferdes sind auch nach Generationen im Exil noch immer erhalten geblieben. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es nun, dafür zu sorgen, dass dies auch in Zukunft so bleibt – indem wir unseren Pferden den „Familienanschluss“ geben, den sie brauchen und verdienen und indem wir in der Zuchtwahl hier einen Schwerpunkt legen.

Anmerkung: Zur Familie zählt auch der Hengst. Künstliche Besamung und Embryotransfer haben ihre Berechtigung und Vorzüge, sollten aber nur mit Bedacht eingesetzt werden. Bei Maidenstuten bevorzuge ich die natürliche Bedeckung, was ihrer Entwicklung in psychischer Hinsicht sehr gut tut.

Es wäre nun schön, wenn wir hier viele Erlebnisberichte sammeln könnten über die Einmaligkeit des Charakters unserer Pferde!
 

Im Mai 2013, Dr. Matthias Oster

Gestüt: Gabriele Seidlitz-Oster und Dr. Matthias Oster
Homepage: http://www.arabianheritagesource.com/