Ein Leben mit Asilarabern in einer Wolfsgegend


2009 nahm ich Kontakt zu Sonja Rizzo und Matthias Korneli auf, weil ihnen der 1987 geborene Nassiri (Gharib x Nassrin) in Frankreich zum Kauf angeboten worden war und sie sich seiner angenommen hatten.

Nicht nur, daß ich ein Faible für diese Asilen habe, so berührte mich die in Bescheidenheit vorgetragene Einstellung von Sonja und Matthias zum Arabischen Vollblut.

 


 

Sie meinen, daß der Asilaraber sich durch sein Sozialverhalten zum Menschen und zu Artgenossen stark von anderen Pferderassen unterscheidet. All die besonderen und liebenswerten Eigenschaften unserer Araber verdienen einen besonderen und liebenswerten Umgang und Haltung.
 


 

Sonja und Matthias arbeiten 5 Monate im Jahr in den französischen Alpen als Schäfer mit einer Herde von 1.500 Schafen in einer Wolfsgegend. Ihre Asilaraber (Hengst, Stute, Fohlen) sind die gesamte Zeit nicht eingezäunt und immer ganz in ihrer Nähe, besonders nachts.

Um einen Einblick in ihr Leben mit den Asilen und ihre Einstellung zu ihnen zu erhalten, bat ich Sonja und Matthias darum, uns die Tür für ihre Welt zu eröffnen. Sie fanden meine Idee gut, denn sie meinen, es wird viel zu wenig über Asilaraber im Alltag bekannt und zu was sie alles fähig sind:

„Wir sind auf der Alp auf unsere Pferde angewiesen, sie schleppen all unser Gepäck, Proviant, Hundefutter (wir haben mehrere große Herden-schutzhunde gegen die Wölfe und brauchen alle 3 Tage einen Sack Hundefutter von 20 kg). Wir haben oft gesehen, wie sich andere Schäfer mit ihren starrsinnigen Eseln abplagen, die besser geeignet sind für die Berge, die aber nicht laufen wollen. Diese Probleme haben wir nicht. Unsere Pferde gehen im schwersten, steinigen Gelände, der Hengst teilweise mit 100 kg Gepäck. Sie sind nicht beschlagen, gehen durch reißende Gebirgsflüsse (auch die Fohlen). Das bezieht sich auf alle unsere Pferde.
 


 

Der Wahrheit halber muss man sagen, dass sie nicht immer freudig dabei sind, es gibt oft Gewitter, am Ende der Alp müssen sie mit Gepäck durch tiefen Schnee stapfen und schließlich sind es Wüstenpferde und keine Haflinger. Aber sie machen alles mit ohne aufzubegehren - vermenschlicht könnte man sagen "um uns zu gefallen" - wer weiß? Sie haben jederzeit die Möglichkeit wegzulaufen, sie sind ja frei, aber sie bleiben da.

Wir haben im Laufe der Jahre festgestellt - vielleicht weil wir mit unseren Pferden so eng zusammenleben - dass sie mit Menschen, die sie nicht kennen "fremdeln". Aber auch unter uns weiß jedes Pferd ganz genau, "wessen" Pferd es ist. Mein Hengst und meine Stute mögen es nicht, wenn Matthias sie reitet, was er auch akzeptiert und es nicht mehr tut. Umgekehrt duldet Matthias sein Hengst die Versorgung durch mich notgedrungen, wenn Matthias mal nicht da ist, aber er lässt ganz klar durchblicken, dass ich zweite Wahl bin. Wir finden dieses Verhalten sehr amüsant. Auch wenn sie die eben genannten Vorlieben oder Abneigungen haben, sind sie immer freundlich und sanft zu uns beiden, aber jeder hat "seinen Menschen" und das zeigen sie auch.

 


 

Darum darf man auch nicht zu viele Asilaraber haben, sie kommen sonst zu kurz. Wir sind gerade so an der Grenze.
Jetzt zu den Abstammungen:
Unsere Hengste sind Halbbrüder, 14 und 13 Jahre alt.
The Magic Image von Thee Deperado aus der Ali Sameerah und
Magic Mistral von Thee Desperado aus der Magic Alia.
Beide von einem Gestüt in Italien vor 11 Jahren gekauft aus Mitleid wegen unglaublich miserabler Haltung.
Meine Fuchsstute heißt Antara Hadba von Morhaf aus der Halima el Nile (Stammstute der Kauber Platte), jetzt 19 Jahre und seit 18 Jahren bei mir.
Die Rappstute ist diejenige, die wir für Nassiri gekauft haben, 7 Jahre alt:
DF Maydaanyh Bint Mayneesha von Mashalan al Malacha aus der Mayneesha.

Dann haben wir noch Soraya Bint Maserr von Ma-Serr-Ro aus der Yosreia el Dahma und Saymara von The Verdict HG aus der Saymoha und ein bisschen Nachzucht. Also zu viele, aber wir verkaufen nicht, denn es gibt zu viele, die Pferde nur als Sportgeräte ansehen und ihnen kein artgerechtes Leben bieten. Da bleiben sie lieber bei uns. Nicht zu vergessen unser Minishetty-Wallach, der eine zeitlang bei einem der Hengste gestanden hat, als dieser noch keine Stute hatte und jetzt alleine nach belieben die Weiden wechselt, mal zur einen Hengstgruppe, mal zur anderen, oder zu den Stuten.

 


 

Im Winter, wenn wir nicht auf der Alp sind, gammeln wir die meiste Zeit bei den Pferden herum, gewöhnen die Jungen an Sattel usw., machen kurze Wanderritte (wir können nie lange weg, weil wir unsere Pferde niemandem so gerne anvertrauen wollen) und erfreuen uns jeden Tag an ihnen, in dem wir sie einfach nur immer wieder anschauen und bewundern (darf man eigentlich niemandem erzählen, sonst werden wir noch eingeliefert).

Das ist unser Leben mit und für unsere Asilaraber, für die meisten unserer Freunde und Verwandten nicht verständlich, aber wegen ihnen sind wir auch aus Deutschland weggegangen, weil man hier viel freier mit Pferden leben kann, und auch dass Klima - heiß und trocken - ist für Araber besser.“
 


 

Zu den Fotos sagen Sonja und Matthias noch: „Auf einigen Photos sieht man einen Schafszaun, der ist aber für die Schafe, damit sie nicht abhauen (denn sie sind nicht asil :-)) Die Pferde sind frei und könnten laufen, wohin sie wollten, was sie aber nicht tun. Außerdem mussten wir uns notgedrungen mitsamt Zelt einzäunen, weil die Pferde unbedingt auch ins Zelt wollten, was leider nicht möglich war.“

Die Vorgeschichte geschrieben von Sonja Rizzo:

Wir sind 53 (Sonja) und 47 (Matthias) Jahre alt, nicht mehr wirklich jung, aber noch jung genug, um noch viele Träume zu haben.

Wir sind vor 10 Jahren aus Deutschland weggegangen, weil uns die Reglementierungen dort immer mehr auf die Nerven gingen und es zu wenig Platz im Rhein-Main-Gebiet gibt (wir sind aus Wiesbaden), um freier mit Tieren leben zu können. Das geht hier in Südfrankreich besser, mehr Platz für Pferde, besseres Klima (auch im Winter trocken, super für Araber) und niemand wird hysterisch, wenn ein Hund auf ihn zuläuft, der größer ist als ein Zwergpudel.

Ich (Sonja) habe 25 Jahre beim Wiesbadener Kurier gearbeitet (was für eine Zeitverschwendung) und Matthias war Beleuchtungstechiker auf großen Messen und Veranstaltungen (MTV Award London, Autosalon Genf, IAA usw.), also immer von zu Hause weg.

Wir haben den Sprung ins kalte Wasser gewagt, sind ohne Geld weggegangen, haben erst im Weinanbau gearbeitet und uns dann an Matthias Jugendtraum, Schäfer in den Hochalpen, gewagt, was wir jetzt schon 6 Jahre lang machen.

Unsere Pferde natürlich immer im Schlepptau.

Die Pferde haben den Winter über schöne Kräuterweiden und jetzt im Sommer, wenn in Südfrankreich alles vertrocknet, sind wir auf der Alp, dort gibt es gutes Berggras. Wir füttern also so gut wie gar kein Heu, manchmal etwas zum Übergang, und für die Mutterstuten manchmal etwas Gerste, nach Beduinenart.

Manchmal kommt Heimweh auf nach unserem schönen, deutschen Wald und wir können keine Pinien, Zypressen, Olivenbäume und Palmen mehr sehen, manchmal überkommt uns der Heißhunger auf banale Dinge wie Fleischwurst, Nürnberger Rostbratwürste, Malzbier, guten deutschen Kuchen, deutsches Brot (das gibt es hier alles nicht), aber das vergeht wieder, wenn wir bei den Pferden sitzen, die höchstens 50 m von uns entfernt stehen und wissen, dass ein solch nahes Miteinander mit ihnen rund um die Uhr in Deutschland nie möglich war, wegen der Wohnsituation und auch wegen der Arbeit weg von zu Hause.

Darum genießen wir dies alles sehr und wollen auf keinen Fall zurück, auch wenn wir viel weniger Geld haben als vorher. Dadurch lernt man aber auch, bescheidener zu leben und verzichtet auf vielerlei Firlefanz, den man eigentlich gar nicht braucht. Wir haben unseren Pferden also viel zu verdanken, ohne sie hätten wir weitergemacht wie vorher und wie die meisten es tun, am Wochenende ein bisschen ausreiten usw.