Nardschis (Gharib x Noha) 1986 – 2010 - eine Geschichte, die es zu teilen gilt


I
n den achtziger Jahren, waren die Amerikaner und Kanadier bereit, Rekord Preise für die rein ägyptischen Stuten aus dem Haupt- und Landgestüt Marbach zu bezahlen. Es war die Anpaarung zwischen den Hadban Enzahi Töchtern und Gharib, die klassische Ägypter hervorbrachte. Diese klassischen Stuten und Hengste von Gharib aus den Nadja-Töchtern Nabya, Nedjari, Noha wurden durch den Exklusiv Kontrakt zwischen Marbach und der Stonebridge Farm und Holdings in den USA verkauft.

Es war die Glanzzeit des Ägypters. Sie wurden nicht nur wegen ihrer seltenen Blutlinie geschätzt, nein, die Ägypter gingen in Toronto (Canada, Stonebridge Farms) an die Börse und wurden gehandelt. Es wurde ein Steuerschlupfloch genutzt, um alles was mit Pferden zu tun hatte, abzurechnen und viele Klienten von Stonebridge nutzten ihr Eigentum an Pferden für steuerliche Abschreibungen. Die Aktien für die Ägypter erhöhten sich in kürzester Zeit und fielen wieder ins Bodenlose, als das kanadische Steuergesetz an das der U.S. angepasst wurde. Die Ägypter verloren massiv an Wert.

Meine spannende Sammlung aus Gelesenem und Gesprächen mit Zeitzeugen erscheint wie ein Krimi. Aber ich möchte so gerne, dass der Leser fühlt, dass es um eine Asilaraberstute geht, die diese Geschichte gelebt hat:
 

Nardschis
 Nardschis
 

Es war Nardschis (Gharib x Noha), die am 21.05.1986 als 11. von 16 Fohlen der Noha in Marbach geboren wurde. Sie war Teil dieser turbulenten Zeiten, denn 1988 ging sie in den Besitz der Stonebridge Farm in Kanada über.

Als die Stonebridge Farm Pleite ging, übernahm die Montebello Farm, Quebec, viele Pferde aus dem Investitionspaket, dabei war Nardschis. Soweit bekannt, wurde vor 1993 kein Fohlen mit ihr gezogen.

1994 wurde mit Nardschis x Royal Jalliel der Hengst MB Jallisch gezogen.

Während ihrer Zeit auf der Montebello Farm wechselte öfter die Investment Gruppe. Während der „Besitzerwechsel“, dem Geld- und Papiergetausche wurde wohl kein Fohlen gezeugt.
 

EAI Arda Royalle Foto: Cheryl Ogilvie
 
EAI Arda Royalle
 

Als Montebello aufgelöst wurde, übernahm die „investor type farm“ Edwards Arabians (Aktienhändler) Nardschis. Dort wurde sie erneut mit Royal Jalliel angepaart – das Stutfohlen EAI Arda Royalle wurde 1998 geboren und ging beim Edwards Arabians dispersal sale nach Ontario, wo sie mit ihrer Besitzerin heute noch Dressurturniere bestreitet.

Auf der Edwards-Versteigerung (Edwards Arabians dispersal) im Juli 1999 wurden 300 Pferde angeboten. Darunter Nardschis. Die Pferde hatten keine Halfter und waren nicht halfterführig. Ihr Zustand war schlecht und sie hatten schwere Verletzungen. Auch waren einige Ägypter nicht registriert. Obwohl die Auktion nicht gut besucht war, fanden sich einige bekannte Züchter ein, z.B. Hansi Heck-Melnyk und Judith Forbis beteiligten sich an der Auktion.

Nardschis Foto Susan McAdoo
Nardschis 
 

Als das Bieten um Nardschis begann, überboten sich Dr. Jody Cruz und Judi Parks von Al Abbasiyah immer zu, um sie zu erwerben. Obwohl Nardschis eine große Wunde am Bein hatte, so war sie doch eine der besten Stuten auf der Auktion. Al Abbasiyah, Judi & Al Parks, waren die glücklichen Bieter des Tages und erwarben Nardschis im Juli 1999 und brachten sie auf ihre Farm.

Auch Nardschis war in einem erbärmlichen Zustand, hatte einen großen Schnitt über ihrem Knie und das Knie war so groß wie eine Wassermelone. Judi pflegte ihr Knie gesund und brauchte ein Jahr bis sie wieder in einem guten Gesamtzustand war. Judi Parks empfand es als Schande, dass Nardschis als Investitionspaket genutzt, kaum zur Zucht eingesetzt wurde und paarte sie 2001 mit dem Althengst Ahsen El Serag an.
 

Naeem
 Naeem
 

2002 kam das Hengstfohlen Naeem auf die Welt. 2005 wurde Nardschis mit Ansata El Ibriz angepaart und brachte 2006 das Hengstfohlen REA El Nabriz, der heute unter dem Namen Safir Al Asil geführt wird und nach Kuwait an Ayman Al Qattan’s Al Asil Stud verkauft worden war.

Nardschis schenkte Judi Parks zwei bezaubernde Fohlen und Nardschis selbst wurde dadurch immer schöner. Auch hatte sie niemals Probleme damit, Nardschis trächtig zu bekommen und das Abfohlen verlief immer gut. „Nardschis hatte Tonnen von Charakter und wollte immer Aufmerksamkeit“ beschreibt Judi Parks Nardschis.

Judi Parks hatte auch ihre Vollschwester Nasim, die als eine der wertvollsten Stuten der Stonebridge Farm - dieser einst größten Zuchtstätte rein ägyptischer Araber außerhalb Amerikas – galt, obwohl sie nicht über die Feinheit von Nardschis verfügte. Nasim war insgesamt „schwerer“. Aber auch sie brachte Judi Parks gute Fohlen, darunter die schwarze Nisma, die in Saudi Arabien steht. Zu diesen hochkarätigen ägyptischen Vollschwestern reihte sich noch deren majestätischer Vollbruder Norus ein, der ebenfalls auf eine Auktion kam.

Als Judi Parks dabei war, ihre Farm zu verkleinern, kam Bart Van Buggenhout der Manager des Gestüts Al Rayyan/Qatar und bekundete Interesse an Nardschis für sein Gestüt Al Ghoroub. Bart Van Buggenhout übernahm Nardschis auch aus Liebe und Romantik zu RN Farida (Salaa el Dine x Noha), die in Züchterkreisen als die schönste Asilaraberstute der Welt gehandelt wird.

So wurde Nardschis für sein ET-Programm nach Belgien verschifft. Bart Van Buggenhout erhielt Glückwünsche zu dem Kauf von Nardschis aus aller Welt und man erinnerte sich wieder an diese klassischen Stuten aus den Nadja-Töchtern. Als Bart Van Buggenhout Nardschis kaufte, war das Interesse von deutschen Züchtern für die Marbacher N-Linie wieder geweckt.
Ein deutscher Züchter hatte damals buchstäblich keine Chance, solche Juwelen zu erwerben.

Ich verfolgte mit Spannung das Geschehen, denn man erzählt, dass auf der Ansata Farm der Versuch unternommen worden war, den Nadja-Zweig der Dahman Shawan-Familie in die Zucht einzubringen mit Nadima (Gharib x Nabya), was aber damals nicht glückte.  Würde Bart Van Buggenhout mehr Erfolg haben? Und tatsächlich! Mit Nada Al Ghoroub von Nebras Al Rayyan aus der Nardschis war es ihm gelungen. Sie ist wundervoll und wenn alles gut geht, wird sie ihrer Mutter Ehre bringen als würdige Vertreterin der N-Linie.

Vier Fohlen von Nardschis aus ET-Anpaarungen waren geplant. Es gab zwei Abgänge und zwei Erfolge durch Nada Al Ghoroub (2009) von Nebras Al Rayyan und Nimr Al Ghoroub (2010) von Ansata Nile Echo.

Obwohl Bart Van Buggenhout im Sommer 2009 noch gar nicht wusste, ob sein Zuchtprogrammmit Nardschis aufgegangen war, hat er für Nardschis Lebensabend das Beste gewollt und vorgesorgt. Er hatte mein Engagement und meine Liebe für diese Pferde bemerkt und schlicht gesagt, dass Nardschis zu mir und meinem Mann Ralf gehören würde. So trat Nardschis ihre letzte Reise an – zurück nach Deutschland, ihre Heimat.

Es war eine schöne Gegebenheit, dass am Ankunftstag von Nardschis die geschätzte Züchterin Doris Melzer zugegen war. Feierlich sagte sie über Nardschis, dass wir vor einem Denkmal stehen.

Wir erhielten wegen ihr ernst gemeinte Anfragen bzgl. Bedeckungen/ET. Obwohl uns Bart Van Buggenhout ein ärztliches Attest mitgeben wollte, dass Nardschis noch Fohlen bekommen könnte, lehnten wir die Anfragen ab.

Nardschis war eine authentische Asilaraberstute und ein Stück große deutsche Zuchtgeschichte, ein Juwel aus vergangener Epoche und sie residierte hier bei uns. Das Zuchtkonzept von Herr Dr. Wenzler (Marbach) brachte Originale hervor und wir glühten vor Stolz. Sie war die Erfüllung meines Traums.

Sie auf der Weide zu sehen und wie sie uns alle rumkommandierte bedeutete uns so viel für sie, weil sie daran Freude hatte. Ich kam mir immer vor, als wäre ich ihre Kammerzofe. Sie war mutig und feinfühlig z.B.: Eltern sind mit ihrem behinderten Kind vorbeigelaufen, das unartikulierte Laute von sich gab. Da ergriff Nardschis die Flucht. Auf halber Strecke der Koppel riss sie sich aber wieder herum und wollte durch den Zaun angreifen: Schweif hoch, brüllendes Gewieher und Geschnaube und urplötzlich ein Stocken und dann vollkommenes Innehalten, als sie erkannte, dass das Geräusch von einem Kind kam.

Es war sehr schwer, Bart Van Buggenhout und Judi Parks, die Nardschis damals gerettet und gesund gepflegt hatte, zu informieren, dass Nardschis gegangen war. Judi heulte wie ein Baby in Texas und Bart Van Buggenhout rief aus Qatar an. Sie wird ganz sicher nie vergessen werden und außer der Zuchtgeschichte durfte sie bei uns einfach Pferd sein, geliebt vor allem ohne einen Zweck erfüllen zu müssen.

Als wir Judi Parks mitteilten, dass Nardschis ihr Hengstfohlen aus 2010, Nimr Al Ghoroub von Ansata Nile Echo, welches wir Dank der Großzügigkeit von Bart Van Buggenhout im Mai 2010 bekommen haben, war das ein Trost, weil Nardschis in ihm lebt.

Nimr Al Ghoroub
Nimr Al Ghoroub 
 

Wir besuchten auch die ET-Klinik von Dr. Erik in Belgien, die mitten in der Stadt liegt. Wir durften dort Zeit mit Nardschis Halbschwester RN Farida verbringen. So familiär und vertraut war unser Beisammensein, als würden wir drei uns schon Jahre kennen und ich erzählte ihr von Nardschis. Dr. Erik zeigte uns die Box, wo Nardschis gelebt hatte und präsentierte uns ihr goldfarbenes Stallschild. Es war das einzige Namensschild, das es in der Klinik gab.
 

Nardschis
Nardschis
 

Nardschis hat bewegt und Spuren hinterlassen.

Rosi + Ralf Straub in Gedenken an sie, an ein Wunder der Schöpfung: Nardschis
(Text erschienen auch in der Arabian Horse World)