Nazeel (Manial II x Nazeema)

Nazeel - Foto: Birgit Schönwälder
Foto: Ona Grammatopoulou
 

Zu meiner Person:
Ich heiße Ulrike (genannt Uli) Breimesser und bin Jahrgang 1972. Mit 18 Jahren absolvierte ich erfolgreich meine Ausbildung zur Pferdewirtin im Haupt- und Landgestüt Marbach auf der Schwäbischen Alb.
Später wurde ich Gestütsleiterin auf dem Arabergestüt Karlstal von Herrn Klaus Meyer in Haigerloch – die Geburtsstätte von meinem ersten eigenen Pferd – dem Araberhengst Nazeel.
Nach der Auflösung dieses Gestütes zog ich aus privaten Gründen in den Taunus. Zu dieser Zeit machte ich eine Zusatzausbildung zur Reitpädagogin und machte mich selbständig.
Bis heute lehre ich Horsemanship – immer im Sinne für das Pferd unter dem Motto: Behandele dein Tier so, wie du gerne behandelt werden willst und so, dass du in einem anderen Leben mit vertauschten Rollen klar kommen würdest.
Beim Therapiereiten löse ich Probleme zwischen Mensch und Pferd und bilde Pferd und Mensch aus und helfe Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung.
 

Nazeel - Foto: Breimesser
Foto: Breimesser
 

Mein Leben mit meinem Herzblut dem Araberhengst Nazeel

Vor ca. 18 Jahren bekam ich eine Anstellung als Gestütsleiterin auf einem sehr renommierten Arabergestüt im Schwabenland. Damals war Nazeel 6 Monate alt und nicht unbedingt ein Hingucker. Trotzdem eroberte er mit seiner Art mein Herz. Als er ca. 4 Jahre alt war, wurde das Gestüt aufgelöst und fast alle Pferde verkauft. Nazeel wurde mir sozusagen als Abschiedsgeschenk angeboten. Ich löste meinen Bausparvertrag auf, um ihn kaufen zu können.

Mein erstes eigenes Pferd! Roh und dann auch noch ein Hengst! Nazeel war zu dieser Zeit nicht einfach, da er sehr mit seiner Persönlichkeit zu kämpfen hatte. Man muß sich das ungefähr so vorstellen: Da sind zwei Sprechblasen über Nazeels Kopf. Das eine ist das Teufelchen, welches Nazeel immerzu ins Ohr flüstert: Jetzt komm, du bist eine Hengst. Sei wild und frech. Zeig deine ganze Kraft und jage den Menschen Angst ein. Dann ist da die andere Blase, des Engelchens. Diese flüstert ihm ins Ohr, wie artig man sein muß und daß doch das Frauchen auf einen aufpaßt und beschützt. So dauerte es, bis er vom Wesen her gefestigt war und er seine innere Mitte gefunden hatte.

 

Nazeel  - Foto: Julia Moll
Foto: Julia Moll
 

Ich kam aus der klassischen Reitszene und war in den Anfangsjahren nicht immer fair zu ihm, aber Nazeel ist mit mir den Weg immer weiter gegangen. Immer wenn ich zu überheblich wurde, hat er mir (Gott sei Dank) wieder Respekt, Bescheidenheit und Demut beigebracht. Auch ein Nazeel kann nämlich bocken und seinen Reiter abwerfen. Heute bin ich ihm dankbar dafür – sehr dankbar. Er hat mich auf den Weg zum richtigen Horsemanship gebracht.

Mein Herz hat er zu einhundert Prozent – ich seines aber auch. So verbrachten wir wirklich jede freie Sekunde miteinander. Wir machten Dressur, Springgymnastik, Freispringen, Doppellonge, Freiarbeit, Liberty Riding, Zirkuslektionen, Lektionen der hohen Schule und liefen auch sehr viel Spazieren. Wir erlebten zusammen Höhen und Tiefen aber er war nie nachtragend.
 

Nazeel - Foto: Breimesser
 Foto: Breimesser
 

Meine Bindung zu Nazeel ist schon außerordentlich tief. Dank Horsemanship erlebte ich erst kürzlich eine extrem Situation, wo sich zeigte, wie stark das gegenseitige Vertrauen zwischen uns ist. Wir waren, wie in den letzten Monaten fast täglich, im Wald unterwegs. Ich ritt und hatte noch drei Hunde dabei, als plötzlich Jäger in Warnwesten quer durch den Hang schlichen, um ihren Stand einzunehmen. Sie beachteten mich nicht. Da wurde mir klar, ich befand mich mitten in einer Treibjagd. Ein schnelles Entkommen war nicht möglich. Um aus dem Wald raus zu kommen, brauchte ich mindestens 40 Minuten.
Immer mehr Schützen schlichen durch den Wald und Nazeel blieb völlig cool!
Dann setzten sich die Treiber in Gang und das Treiben ging los. Plötzlich ein paar Meter vor uns überquerte voller Adrenalin ein Rotwildrudel unseren Weg und Nazeel blieb auch hier völlig cool!
Dann ging auch schon die Knallerei los und das war heftig. Ich bekam das Gefühl, die Jäger spielen Krieg und Nazeel blieb völlig cool!
Als ich schweißgebadet Pferd und Hunde lebendig aus dem Wald draußen hatte, hätte ich meinen Schatz Nazeel totknutschen können. Ich war und bin so unendlich stolz auf ihn! Das war ein Erlebnis, wo sich Horsemanship, was auf reinem Vertrauen aufbaut, bewährt.
 

Nazeel - Foto: Breimesser
 
Foto: Breimesser
 

Ein weiteres sehr emotionales Erlebnis hatte ich mit meinem Nazeel vor ca. 2 Jahren:

In dem Stall, in dem wir früher Einsteller waren, wurde der Reithallenboden nicht gepflegt. An diesem Tag war es wohl besonders schlimm. Ich war mir aber dessen nicht so bewußt. So ritt ich mit Nazeel Dressur. Als wir wunderschön versammelt auf dem Hufschlag galoppierten (Nazeel war völlig ruhig und brav), verlor er plötzlich im Galopp den Boden unter den Füßen und wir überschlugen uns. Ich flog Kopfüber und landete vor seiner inneren Schulter. Nazeel hatte die Wahl, entweder über die innere Schulter abrollen, was in der Natur der Fall wäre - allerdings auf mich drauf oder nach vorne voll auf sein Gesicht. Aus Rücksicht auf mich, entschied er sich für die untypische Variante und brachte sich somit in Gefahr. Er flog voll auf sein Gesicht. Die Nase und seine Stirn waren voll mit Hallenboden. Außer einem Schock passierte uns nichts. Ich war aber so gerührt von Nazeels Verhalten, daß ich meinen Tränen freien Lauf ließ. Gleichzeitig schämte ich mich, weil ich meinen Schatz in Gefahr gebracht hatte.

 

Nazeel - Foto: Ulrike Breimesser
 Foto: Breimesser
 

Nazeel ist aber nicht nur mein Reitpferd sondern hat schon vielen Kindern und auch Erwachsenen das Reiten näher gebracht. Sogar als Therapiepferd ist er ein wahres Goldstück. Sein jüngstes krankes Kind ist 11 Monate. Nazeel schaffte es, das Herz dieses kleinen Kerls so zu erobern, daß mein Shetlandpony keine Chance mehr hat. Das Kind will nur noch Nazeel.

Er nimmt seine Beschützerrolle als Hengst sehr ernst und deshalb ist er unschlagbar als Therapie- und Lehrpferd. Er hatte auch schon eine Reitschülerin, die weit über 60 Jahre alt war.
 

Nazeel - Foto: Julia Moll
 Foto: Julia Moll
 

Im Alltag ist es für Nazeel sehr wichtig, daß alles seine Ordnung hat. Seine Stuten sind neben ihm auf der Weide und ich schwöre, wenn jemand auf die Idee kommen würde, ihnen etwas anzutun – Nazeel würde so schreien und toben, daß man es noch zwei Ortschaften weiter hören könnte. Er liebt es, wenn jeder Tag gleich abläuft und ist dankbar, wenn er bei Regen seine Decke bekommt. Nazeel haßt es, wenn Regentropfen in sein Ohr kommen. So hatte ich mal ein sehr lustiges Erlebnis mit ihm: Ich hatte ihm eine Regendecke mit Halsteil gekauft, angezogen und auf die Weide gestellt. Kurze Zeit später brachte ich ihm frisches Wasser raus und was sich mir da für ein Anblick bot, es war zum todlachen. Ich hatte nicht bemerkt, daß das Halsteil etwas zu lang war und dadurch, das Nazeel beim Grasen den Kopf unten hatte, rutschte die Decke vor. Nazeel sah mich, hob den Kopf und hatte beide Ohren unter der Decke. Es war als sagte er zu mir: „Klasse Frauchen, endlich mal eine Decke mit Ohrenschutz. Die ist spitze!“
 

Nazeel - Foto: Ulrike Breimesser
Foto: Breimesser
 

Im Januar 2017, Ulrike Breimesser